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Ja, ist denn schon Oktoberfest?

 

 

Es ist mal wieder soweit, das Oktoberfest steht vor der Tür. Vom 22. September bis zum 7. Oktober 2018 findet das Oktoberfest auf der 42 Hektar großen Theresienwiese in der Münchner Innenstadt statt.

In den zwei Wochen im September und Oktober kommen insgesamt über 6 Millionen Besucher nach München, um auf dem Oktoberfest zu feiern. Neben den Karussells und Attraktionen, stehen natürlich die Bierzelte und damit auch der Alkohol im Mittelpunkt der Festtage. Schließlich wird Bier (fast) ausschließlich per „Maß“ (also per Liter) ausgeschenkt.

Das auf dem Oktoberfest exessiv getrunken wird, ist für viele ein riesen Spaß. Uns Diabetiker, die gerne mitfeiern, stellt es aber vor eine große Herausforderung über die ich heute sprechen möchte.

 

 

 

Das Spiel mit dem Feuer

 

Wenn man als Jugendlicher an Diabetes Typ 1 erkrankt, ist es sicherlich schwierig im heranwachsenden Alter das Oktoberfest mit Bedacht zu begehen und entsprechend seiner Krankheit vorzubereiten.

Die Empfehlungen von den Ärzten, es bei einem kleinen Bier oder Schnaps zu belassen, sind einfach weltfremd. Sicherlich richtig…, aber weltfremd. Vielmehr würde jungen Diabetikern eine Bewältigungsstrategie helfen, die da heißt:

Wie kann ich mitfeiern ohne aufzufallen oder meinen Diabetes erklären zu müssen? Wie feiere ich weitestgehend normal mit und schaffe es parallel mein Risiko klein halten?

Auch ich war als Heranwachsende überzeugt davon, eine Unterzuckerung jederzeit klar zu spüren und rechtzeitig entgegenwirken zu können. Auf Kohlenhydrate verzichtete ich einfach während damaligen Partynächten und entsprechend glaubte ich, meine Spritze nicht zu brauchen…. Die Kohlenhydrate im Alkohol zählte ich dabei nicht mit, denn ich bildete mir ein, dass weder Bier noch Wein sich großartig auf meinen Zucker auswirkten.

Beispiele wie meine gibt es wie Sand am mehr. Auch anders herum… Noch schlimmer ergeht es wahrscheinlich denjenigen, die die Kohlenhydrate im Alkohol „bespritzen“.

Mein temporäres Gefühl der Freiheit und einfach so zu sein wie die anderen auch war damals – wie heute für viele andere – ein Spiel mit dem Feuer….

Denn gerade durch den Alkohol, der lauten Partymusik und den vielen Lichtern um einen herum werden die Sinne schnell und unmerklich vernebelt, die einem normalerweise signalisieren, wenn der Zucker entgleist und man beispielsweise in den Unterzucker gerät.

 

 

 

 

 

Betrunken oder unterzuckert?

 

Stell Dir vor, Du kippst auf dem Oktoberfest um oder beginnst zu lallen, weil Deine Unterzuckerung eine klare Artikulation nicht mehr möglich macht…

Das ist auf dem Oktoberfest nichts ungewöhnliches! Alle Leute um Dich herum würden Dich anlächeln oder ignorieren. Du wärst in der Masse einfach ein weiterer Betrunkener.

Das es sich dabei um eine Unterzuckerung handeln könnte, wird oft und aus Unwissenheit übersehen und endet nicht selten tödlich, weil entsprechend keine Erste Hilfe geleistet wird.

Wenn man Pech hat, verspielt man mit der falschen „Feier-Attitüde“ auf dem Oktoberfest als Diabetiker quasi sein Leben.

 

 

 

Die Gefahr unter der Lupe

 

Verantwortlich für die eminente Gefahr beim Alkohol sind vor allem der unbekannte Kohlenhydratgehalt und die Alkoholmenge der Getränke.

Während die Kohlenhydrate dazu führen, dass die Blutzuckerkonzentration rasch ansteigt, hat der Alkohol mit einer Verzögerung von etwa vier bis sechs Stunden eine gegenteilige Wirkung und braucht quasi ewig, um im Blutzucker bemerkt zu werden.

Hinzu kommt, dass der Alkohol die normale Zuckerneubildung in der Leber blockiert. Das heißt, Alkoholkonsum lässt den Zucker erst abfallen und nach mehreren Stunden auf einmal wieder unregelmäßig ansteigen.  

Trinken wir Diabetiker jetzt mehr als ein Glas, wird es kalkulatorisch schwierig zu überblicken, welche Mechanismen unser Organismus durchläuft und wann wieviel Zucker ins Blut geschleust wird.

Zudem kommt, dass man beim Oktoberfest nicht unbedingt nur auf einem Barhocker sitzt, sondern auf wackeligen Bierbänken steht, ständig in Bewegung ist und tanzt, was wiederum eine ungewisse Menge Zucker abbaut.

Meiner Meinung nach, wird der größte Fehler von Diabetikern im Alkoholkonsum jedoch damit begangen, dass man versucht Kohlenhydrateinheiten zu berechnen und zu spritzen.

Damit stößt man wahrhaftig einen Teufelskreis an. Der Alkohol UND das Insulin senken den Blutzucker und damit gerät der Diabetiker in den Unterzucker. Wirkt er diesem entgegen und nimmt wieder Zucker auf, kommt nach einigen Stunden der Zucker aus dem Alkohol oben drauf und man ist wieder im Überzucker. Entsprechend beginnt der Diabetiker wiederum mit der Gegenregulation….und so geht es weiter und weiter…

Diese Zuckerkurve (hoch, runter, hoch, runter…) findet nur schwerlich ein Ende und birgt besonders viele Gefahren, wenn man dann schließlich im Rausch auch noch einschlafen sollte…. Wenn man hier nicht aufpasst, endet das in einer Ketoazidose, die im Krankenhaus oder gar tödlich.

 

 

 

 

 

Okay…, better have a „Cheat Day“

 

Ich habe mir damals das Beispiel an vielen herkömmlichen Diäten genommen, bei denen man einen sogenannten „Cheat Day“ die Woche zelebrieren darf.

An diesem „Cheat Day“ darf man alles nach Lust und Laune essen und trinken. Unter der Prämisse, dass man am Folgetag seine Diät wieder aufnimmt, schadet man seinem Diäterfolg in keinster Weise.

Daraus habe ich abgeleitet, dass auch ich meinem Diabetes nicht sonderlich Schaden zufüge, wenn ich die gesamte Woche über gut eingestellt bin mit guten Blutzuckerwerten und an einem Tag – wenn denn mal eine Party ansteht – lieber erhöhte Werte in Kauf nehme, anstatt mir den Alkoholkonsum komplett zu verbieten oder diesen zu bespritzen und daraus folgend mit ungleichen und widerkehrenden Unterzuckerungen kämpfen zu müssen.

 

 

 

 

10 Tipps für Diabetiker zum Oktoberfest

 

Zucker-Utensilien mitnehmen

Nehmt die Diabetes Utensilien notfalls aus der „Zuckertasche“ raus, damit die Einzelteile leichter und schlanker in einer Handtasche zu verstauen sind. Ganz wichtig: AUSREICHEND Messstäbchen einpacken!

 

Traubenzucker nicht vergessen.

Ob es jetzt Traubenzucker ist, Gummibärchen oder ein kleines Safttrinkpäckchen ist egal. Doch Ihr solltet unbedingt etwas dabei haben. Die Warteschlangen auf dem Oktoberfest sind lang. Tritt der Unterzucker plötzlich ein, kann es sein, dass Ihr nicht schnell genug etwas kaufen könnt, um Euch zu stabilisieren.

 

Pflaster und Ersatzkatheter

Wenn Ihr eine Pumpe benutzt, dann nehmt vorsichtshalber noch ein zusätzliches Pflaster und einen Ersatz-Katheter mit. Auf dem Oktoberfest ist es heiß und wenn man obendrein viel tanzt bzw. sich viel bewegt transpiriert man und das Pflaster kann sich lösen, wodurch kein Insulin mehr in Ihren Körper gelangt. Das kann auch zu einer Ketoazidose führen.

 

Insulin Pen

Aus diesem Grund empfehle ich Ihnen vorsichtshalber – für alle Fälle -noch einen Insulin-Pen mitzunehmen. So könnt Ihr die Pumpe für einige Stunden (z. B. beim Tanzen) von Eurem Körper ablegen und bei Bedarf mit dem Pen Eure „Oktoberfest-Brezel“ genießen.

 

Mahlzeit

Esst ausgiebig vor dem Feiern oder zwischendurch, dann berechnet 0,5IE weniger pro BE. Ich habe mir dadurch immer einen „Puffer gebaut“. D.h. zwischenzeitlich hatte ich sicherlich einen Zucker von 180mg oder 200mg, aber nach dem Feiern und Alkoholkonsum stand ich meistens zwischen 130 / 140mg da, was sehr stabil ist, um in Ruhe schlafen zu gehen.

 

Wasser

Auf die Maß auch ein Glas Wasser. Trinkt zwischen Eurem Bier (oder Wein etc.) immer ein Glas Wasser. Es hilft Euch einerseits nicht zu dehydrieren und länger nüchtern zu bleiben. Andererseits unterstützt es Eure Zuckerwerte. Sollte Euer Zucker zwischenzeitlich ansteigen, dann hilft Euch das Wasser Euren Elektrolyt-Haushalt zu regulieren und Eure Nieren zu entlasten, die mit dem höheren Zucker immer auch mehr belastet sind.

 

Regelmäßig messen.

Der Diabetes soll Euch beim Feiern nur geringfügig beeinflussen bzw. beeinträchtigen. Umso wichtiger ist es, dass Ihr ihn unbemerkt im Auge behaltet – wie eine/n gute/n Freund/in. Nehmt Euch beispielsweise vor, jedes Mal bei einem Toilettengang Euren Blutzucker zu kontrollieren. So bemerkt das keiner im Umfeld und Ihr wisst immer wo Ihr steht.

 

Vorsichtige Korrekturen.

Kommt Ihr während des Oktoberfestabends über 200mg, dann solltet Ihr nur wenig und sehr vorsichtig korrigieren – keinesfalls wie gewohnt!

 

Snacks

Vergiss nicht, Ihr steht unter Alkoholgebrauch- Esst zwischendurch kleine Snacks….Ich handhabe es immer so als sei 160 mg mein (Ausnahme-) Zielwert und alles was darüber ist, korrigiere ich mit der hälfte des Korrekturfaktors und außerdem maximal alle 2-3 Stunden.Tanze ich viel, dann nehme ich generell nur die Hälfte meines normalen Insulinfaktors, weil ich den „restlichen Zucker“ – wie beim Sport – vermutlich durch die Bewegung abbaue.

 

Beobachten & individuell optimieren.

Wenn Ihr regelmäßig feiern geht, beobachtet Euren Diabetes. Wie reagiert er auf Snacks und den Alkohol? Hilft Euch das Wasser? Wie verläuft die Kurve. Gibt es ggf. bestimmte Alkoholika, die Ihr besser vertragt? Entsprechend Eurer Beobachtungen , könnt Ihr dann Euer „Party-Verhalten“ anpassen.

 

 

 

 

Ich bin KEIN Arzt. Doch ich empfehle Euch auf anderen Partys – die eventuell vor dem „extremen“ Oktoberfest stattfinden, die Wirkung von Alkohol auf Euren Diabetes genau zu beobachten und im Anschluss für Euch „auszuwerten“. So könnt Ihr Eure individuelle Bewältigungsstrategie entwickeln.

 

Wie funktionieren meine Tipps bei Euch?

 

  • Könnt Ihr mit Alkohol, Snacks & Wasser zwischendurch Euren Zucker stabil halten?
  • Wie funktioniert es bei Euch mit den leichten Korrekturen? Wie hat der halbierte Faktor bei Euch gewirkt?
  • Wo steht Euer Zucker am nächsten Morgen?

 

Tastet Euch langsam heran. Irgendwann kennt Ihr dann die Zucker-Zielwerte, Insulin- und Snackeinheiten, die Ihr in etwa braucht, um Eure Partys erfolgreich und mit gutem, freien Gefühl mit Euren Freunden zu genießen.

 

 

 

Bleibt aber in jedem Fall so vernünftig, Euch nicht komplett mit dem Alkohol zu benebeln.

 

Gönnt Euch ein tolles Oktoberfest, aber ….

bleibt Herr Eurer Sinne – das rettet Euer Leben!

 

Viele Grüße

Eure Vivi