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Ich denke, es steht außer Frage, dass das wichtigste Thema in der Kommunikation in erster Linie der Umgang mit dem Unterzucker ist. Alle anderen Themen, kann man bei Interesse nach und nach streuen, doch die Hypoglykämie passiert häufig und stellt eine alltägliche Herausforderung für Betroffene Diabetiker Typ 1 dar.

 

Anzeichen für den Unterzucker?

Schwitzen, Schwindel, Zittern, Unkonzentriertheit, verschwommenes Sehen, Herzrasen, Blässe, Heißhunger, weite Pupillen, Kopfschmerzen.

 

Was braucht der Betroffene?
      • Schnellwirkende Kohlenhydrate = Zucker, der schnell ins Blut geht, z. B.:
        • Traubenzucker
        • Saft
        • Zuckerhaltige Limonaden wie Cola oder Fanta
        • Gummibärchen…usw

 

In einer Notsituation finde ich es es ungemein wichtig in Sekunden zu entscheiden, ob man erst seinen Bluzucker messen möchte bzw. muss oder direkt in die Zuckeraufnahme übergeht.

 

Ärzte würden allgemein empfehlen, dass man erst misst und dann kontrolliert 1-2 schnellwirkende BE aufnimmt. Als langjährige Diabetikerin bin ich aus der Praxis einen anderen Umgang gewöhnt und widerspreche der ärztlichen Empfehlung latent wie folgt:

 

Als Diabetiker spüren Sie normalerweise, ob es sich um eine starke oder leichte Unterzuckerung handelt. Haben Sie sich noch unter Kontrolle und einen relativ normalen Herzrhythmus, dann folgen Sie dem ärztlichen Rat und messen Sie zunächst Ihren Blutzucker.

 

Bei einem Unterzuckerwert bis 50mg,

stimme ich den Ärzten ebenfalls partiell zu und empfehle Ihnen eine kontrollierte Aufnahme von 2 schnellwirkenden BE – eine einzige BE bringt herzlich wenig bzw hebt Ihren Zucker gerade Mal auf einen Nüchternwert von ca 80mg an. Wirklich wohl, stabil, arbeitsfähig und agil fühlt man sich aber i.d.R. mit Werten zwischen 100 -120mg und da helfen mehr 2 BE als eine.

 

Unter 50mg nehme ich zwischen 3-4 BE und messe ca. alle 15 Minuten, um zu testen, ob der zugeführte Zucker anschlägt. Wichtig ist, dass man sich in solchen Unterzuckerungsphasen kurz Ruhe gönnt. Setzen oder legen Sie sich irgendwo hin, bis es überstanden ist.

 

Ich habe es schon einmal erlebt, dass ich aufgrund einer eigens verschuldeten, falschen Insulindosierung im Ausland bei über 40°C (bei Hitze wirkt Insulin nochmal intensiver) trotz Zufuhr von 4 BE weiter in die Hypoglykämie gerutscht bin. Dadurch, dass ich erst Zucker zuführte und dann mit stetigem Messen den Verlauf kontrollierte, konnte ich mich selbst vor einer Bewusstlosigkeit schützen.

25mg Zucker im Blut

Mit ca. 25mg Zucker im Blut ist nicht jeder mehr dazu in der Lage und dann ist es meiner Ansicht nach auch völlig egal, ob man „kontrolliert BEs“ zu sich nimmt. Ich habe alle schnellwirkenden Kohlenhydrate zu mir genommen, die ich finden konnte und erst aufgehört als ich bemerkt habe, dass der Zucker wieder steigt.

 

Die Gefahr dabei ist, dass Sie von einem ganz tiefen Zucker in einen dramatisch hohen Zucker rutschen – doch auch hier hilft eine vermehrte Blutzuckerkontrolle, um rechtzeitig (ab 180mg ca.) dagegen zu regulieren.

 

Meine Devise jedoch lautet: Lieber einen kontrollierbaren und vorhersehbaren Überzucker als das Risiko an einer massiven Unterzuckerung zu sterben.

 

Ein Tipp:

Geht es Ihnen sehr schlecht und Sie sind gerade alleine unterwegs, z.B. in einem öffentlichen Bus machen Sie folgendes:

 

  • Haben Sie Ihr Blutzucker-Tagebuch dabei? Holen Sie es raus oder schreiben Sie auf einem Zettel alle wichtigen Daten auf: Uhrzeit, Blutzuckerwert, Ihre Maßnahme (Zuckerzufuhr oder Korrektur). Sollten Sie ohnmächtig werden, können Fahrgäste bzw. Ersthelfer anhand des Zettels oder Ihres Tagebuches schnell feststellen, was mit Ihnen los ist.
  • So lange Sie Kontrolle über sich haben, schauen Sie sich um, ob Sie jemanden entdecken, der auf Sie vertrauenswürdig erscheint. Steigert sich Ihre Angst vor einer Bewusstlosigkeit oder ähnlichem, gehen Sie auf diese Person zu und sprechen Sie diese an. Teilen Sie der fremden Person mit, dass Sie Diabetiker Typ 1 sind, in welcher Situation Sie sich gerade befinden und ob die Dame / der Herr so freundlich wären bei Ihnen zu bleiben, bis Sie sich besser fühlen und notfalls einen Notarzt rufen würden.

 

Manchmal hilft schon die Vorstellung jemanden in der Nähe zu haben an den man sich wenden könnte. Ferner beruhigt es, wenn Sie alle wichtigen Daten in der Hand halten und dokumentieren (Blutzuckertagebuch), weil Sie damit in jedem Fall zu Ihrer ersten Hilfe beisteuern, sofern diese nötig wird.

 

Wo hat er seine Utensilien wie das Blutzuckermessgerät aufbewahrt?

      • Ich empfehle alle „Diabetes-Utensilien“ in einer wiedererkennbaren Tasche mitzuführen. Bei mir ist es eine Tasche mit Katzenabbildern darauf. In meinem Umfeld kennt jeder den Begriff „Katzentäschchen“ und weiß, dass damit die Tasche gemeint ist, wo alle für mich lebenswichtigen Diabetes-Utensilien drin sind.
      • In Panikfällen hilft es Ihrem Umfeld danach zu suchen. Viele wissen nicht wie ein Pen oder ein Blutzuckermessgerät aussieht. Darum unterstützen Sie Ihre Mitmenschen, indem Sie Ihre Sachen in einer Tasche mitführen, die mit einem visuellen Begriff kurz und prägnant beschrieben werden kann.

 

Wie misst man den Blutzucker?

Man braucht eine Stechhilfe, Blutzuckermessstreifen und ein Blutzuckermessgerät.

Schritt 1: Blutzuckermessstreifen in das Blutzuckermessgerät stecken. Das Gerät zeigt Ihnen dann automatisch an, ob Sie den Streifen richtig reingesteckt haben und ob Sie jetzt einen Bluttropfen abgeben sollen.

Schritt 2: Ziehen Sie die Stechhilfe auf und stechen Sie damit am besten an den Fingerrand.

Schritt 3: Drücken Sie einen Tropfen Blut aus Ihrer Fingerkuppe heraus und führen Sie diesen zum Blutzuckermessstreifen.

Warten Sie nun einfach ab, bis das Messgerät Ihnen den Blutzuckerwert angibt.

 

Viele gesunde Mitmenschen aus unserem Umfeld finden das Blutzuckermessen spannend und möchten auch wissen, wie hoch / niedrig Ihr Blutzucker ist. Nehmen Sie dafür immer eine frische Lancette her, weil hiermit Ihr Blut bzw das des Mitmenschens in Berührung kommt.

 

Will der eine Freund / Kollege seinen Blutzucker wissen, kommen schnell andere hinzu und plötzliche steht eine ganze Gruppe um Sie herum. Doch vergessen Sie in diesem Moment nicht, dass Sie im Quartal nur eine begrenzte Anzahl an Blutzuckermessstreifen erhalten und diese mit ca. 1€ / Stück sehr teuer sind. Sollten Sie „knapp dran“ sein, dann seien Sie ehrlich und mutig genug, Ihren Mitmenschen den „Blutzuckermesswunsch“ abzuschlagen – oder seien Sie ein charmanter Lügner und nehmen Sie die fehlende, frische Lancette zur Ausrede.

 

Notarzt rufen und / oder Glucagonspritze verwenden?

 

In den Diabetesschulungen lernt man immer, dass man als Diabetiker Typ 1 eine Glucagonspritze mit sich tragen soll. Diese gehöre nach Expertenmeinung zur Standardausrüstung eines Diabetikers. Die Glucagonspritze ist eine „Notfall-Zucker-Spritze“ und soll am besten in den Oberschenkel gespritzt werden, wenn man lebensgefährlich unterzuckert oder gar bewusstlos ist.

 

Ich bin ein klarer Gegner der Glucagonspritze, halte sie für Geldmacherei und für ein typisches, medizinisches Produkt, welches man so lange mit sich herumträgt, bis es verdorben ist und wieder ersetzt werden muss. Ich selbst habe sie nur in meinem ersten Jahr als Diabetiker (sinnlos) mit mir herumgetragen.

 

Nachfolgend meine Argumente:

 

Die Grundproblematik besteht darin, dass die Glucagonspritze mir von einem anderen Mitmenschen im Notfall gespritzt werden muss.

  • Die große Mehrheit unserer Mitmenschen kommen nicht aus medizinischen Berufen und haben eine natürliche Berührungsangst vor Spritzen.
  • Ferner kann der Mitmensch im Fall unserer Bewusstlosigkeit instinktiv nicht wissen, ob es auf eine Unter- oder Überzuckerung zurückzuführen ist. Spritzt man einer Überzuckerung noch Glucagon, kann diese Maßnahme direkt zum Exitus führen. Wartet unser Mitmensch jedoch zu lange und versucht erst mühselig (weil ungeübt) unseren Blutzucker zu ermitteln, kostet das lebenswichtige Zeit, die mit einem Anruf beim Notarzt besser investiert wäre.
  • Fast keiner von uns umgibt sich jede Minute am Tag mit denselben Menschen. Wie viele also müssen wir in die Handhabung der Glucagonspritze einweisen?
  • Gefahren lauern oft da, wo man sie am wenigsten erwartet oder erhofft. Stellen Sie sich vor, Sie sind eine Frau wie ich und gehen abends in eine Disko oder in die Oper. Wie groß darf bzw. muss Ihre Handtasche sein, damit Sie neben den normalen Sachen wie Portemonnait, Lippenstift, Handy auch Ihre Diabetikerausrüstung wie das Blutzuckermessgerät, Ihre Spritze, den Traubenzucker mitführen können. Eine zusätzliche Glucagonspritze bringt fast jede halbwegs grazile, feminine Tasche zum Platzen. Männer haben meist gar keine „Handtasche“ dabei, was ebenso problematisch ist. Damit ist diese Notfallspritze einfach zusätzlich unhandlich.

 

Mein Tipp:

 

Tragen Sie lieber einen gut sichtbaren, internationalen Diabetiker-Ausweis mit sich, der einfach zu finden ist – beispielsweise in Ihrer Brieftasche oder in einem Amulett. Auf diesem Ausweis steht in mehreren Sprachen, dass Sie Diabetes Typ 1 haben und das man bei Ihrer Bewusstlosigkeit sofort den Notarzt anrufen sollte.

 

Darüber hinaus muss man meistens noch eine Telefonnummer seines Diabetologen / Hausarztes eintragen und von einem seiner nächsten Angehörigen. Das sind die wichtigsten Informationen für einen Menschen, der Sie findet oder für den Notarzt, der Sie adhoc behandelt.

 

Einem Notarzt muss man nichts erkären. Der Profi ist souverän im Blutzuckermessen und kann entsprechend entscheiden, ob er Glucagon gibt oder Insulin.

 

Zusammenfassend empfehle ich Ihnen, sich VOR einer möglichen Notfallsituation Gedanken über die wichtigsten Themen zu machen, die Sie in Ihrem täglichen Umfeld vermittelt wissen wollen, wenn Sie die Kontrolle wie z. B. das Bewusstsein verlieren sollten. Solche Themen können beispielsweise umfassen:

 

  • Unterzucker & seine Symptome
  • Mögliche Gegenmaßnahmen (=Zufuhr von Zucker)
  • Aufbewahrung Ihres medizinischen Equipments (ggf. auch Ihr Zucker-Tagebuch)
  • Anwendung des Blutzuckermessgeräts und Verständnis der Zuckerwerte
  • Im Notfall zu benachrichtigende Personen (Arzt, Verwandte)
  • Glucagonspritze

 

Fazit:

In meinem eigenen Leben durfte ich immer wieder feststellen, dass sich vieles von selbst ergab, nachdem ich den Diabetes als Teil meiner selbst endlich akzeptiert und hingenommen hatte.

 

Ich hörte auf, mich dafür zu schämen auch mal in der Öffentlichkeit meinen Blutzucker zu messen und – wenn notwendig – an Ort und Stelle Insulin zu spritzen.

 

Im Gegensatz zu meiner Erwartung reagierte mein Umfeld größtenteils mit Interesse und Bewunderung als Reaktion auf meinen selbstsicheren Umgang mit der Krankheit.

 

Das hatte zur Folge, dass sich mein Selbstwert steigerte und ich die Scheu ablegte, Menschen mit meinem Diabetes zu konfrontieren, gerne auch mal zu provozieren. Das Ergebnis war und ist immer wieder verblüffend. Ich musste das Thema Diabetes nie in den Raum werfen, mich aufdrängen und beginnen darüber pro-aktiv zu informieren. Statt dessen kamen und kommen die Leute in meiner Umgebung immer aus eigenem Interesse darauf und stellen so viele Fragen, die es mir leicht machen, kurz, prägnant, untermauert mit lustigen Beispielen zu vermitteln, was Diabetes Typ 1 ausmacht und beinhaltet.

 

Das Teilen meines Traubenzuckervorrats mit Kollegen/innen, die auch mal abbauen ist nur ein kleines und wahrscheinlich unscheinbares Beispiel wie der Diabetes meine soziale Kompetenz stärkt. Man freut sich geradezu, dass ich immer einen „geheimen Notfallvorrat“ an Süßigkeiten habe.

 

Jeder in meinem Umfeld hat zig mal gesehen wie ich bei starker, plötzlicher Unterzuckerung hektisch Saft trinke oder Traubenzucker „herunterwürge“. Sie haben aber genauso oft gesehen wie ich gemeinsam mit Ihnen um den Park jogge, auf Partys gehe, an langen und schwierige Konferenzen teilnehme und Überstunden ohne Pause schiebe.

 

Ich weiß, dass jeder Einzelne aus meiner Umgebung im Notfall wüßte, was mit mir los ist und ob sie mir noch Zucker einflößen oder besser den Notarzt rufen sollten. Das schenkt mir Sicherheit. Diese ist die Grundlage dafür, dass ich ohne Angst, Verzweiflung und Selbstmitleid durch das Leben gehe und mit Überzeugung und Witz vom Umgang meines Diabetes im Alltag sprechen kann. Aus dieser Erfahrung heraus habe ich nachfolgendes Schema auch bei anderen Diabetikern beobachten können.

 

Aus diesem Grund empfehle ich Ihnen jetzt, sich zu jedem dieser Schritte eigene Gedanken zu entwickeln. Hinterfragen Sie sich selbst mit Hilfe meiner Tipps. Entwickeln Sie einen Plan, wie Sie bei Ihrem Umfeld Interessse für Ihre Krankheit wecken und sie damit unterschwellig mit einbeziehen können. So werden Sie bald wieder zu einem aktiven und attraktiven Teil Ihres Umfelds.

 

Beginnen Sie mit folgender Frage:

 

  • Akzeptieren Sie Ihr „Diabetes-Schicksal“ in vollem Maße?
    • Wenn nicht, hinterfragen Sie sich warum?
    • Was würde Ihnen dabei helfen?
    • Wovor haben Sie die größte Angst oder Sorge?
    • Welche Gegenmaßnahmen könnten diese ausräumen?

 

Ich freue mich auf Euer Feedback.

 

Eure Vivi